Das Genre Visionary Fiction

Genres versprechen den Lesenden, was sie erwartet. In einem Krimi gibt es (in der Regel) zu Beginn einen Mord, der dann gelöst wird. Ist der Mörder nicht einfach Frau Meier, die den armen Herrn Müller umgebracht hat, weil er ihr ihre Orangenpresse nicht zurückgeben wollte, die er sich ausgeliehen hatte, sondern ein Serienkiller, möglicherweise einer wie Hannibal Lecter, dann haben wir einen Thriller. Ist der Mörder ein nicht-menschliches Monster und folgt eine konstante Dezimierung der Involvierten, befinden wir uns im Horror-Genre. Fantasy integriert sagenhafte, mythologische, märchenhafte Elemente. Ein Western spielt im Wilden Westen, und es gibt eine Schießerei. Ein historischer Roman spielt in einer bestimmten Zeit.

Genre hilft den Büchersuchenden also, das richtige Buch zu finden. Den daraus entstehenden Lesenden hilft es, in freudiger Erwartung auf die versprochenen Merkmale die Geschichte zu verschlingen.

«Im Kern geht es bei Visionary Fiction um die Erforschung des immensen menschlichen Potentials, um persönliche und kollektive Transformation und die Vernetzung allen Lebens.»

Im Bereich der Literatur entwickeln sich die Genres ständig weiter und differenzieren sich, um die Vielschichtigkeit der menschlichen Erfahrung widerzuspiegeln. Ein solches Genre, das in den letzten Jahren entstanden ist, ist die Visionary Fiction, ein Genre, das die traditionellen Grenzen überschreitet und das Zusammenspiel von vielen Ebenen der Realität erforscht. Visionary Fiction ist eine Reise für die Lesenden, die über die bekannten Grenzen der Realität hinausgeht, um die Tiefen des menschlichen Seins und die Geheimnisse der Existenz zu erforschen.

Definition von Visionary Fiction

Visionary Fiction lässt sich nicht ohne Weiteres definieren, da sie sich einer herkömmlichen Kategorisierung entzieht. Es handelt sich um ein Genre, das häufig Elemente der Speculative Fiction, der metaphysischen Literatur, des Magischen Realismus und der spirituellen Erforschung miteinander verbindet. In meinem Fall, wie in der Pionéa-Serie, auch Science Fiction, Drama, Mystery, Horror.

Wenn Genres der Leserschaft etwas versprechen, ihr sagen, was sie erwarten kann, was verspricht Visionary Fiction? Im Kern geht es bei Visionary Fiction um die Erforschung des immensen menschlichen Potentials, um persönliche und kollektive Transformation und die Vernetzung allen Lebens. Die Transformation geht dabei tief, ist existentiell. Denn auch in vielen anderen Genres gehen Figuren eine Wandlung durch. Papa ändert seine Einstellung dazu, was eine Hausfrau sei. Gabriele entdeckt und überwindet ein Kindheitstrauma, hat keine Angst mehr vor Erfolg und kann sich deshalb am alles entscheidenden Buchstabierwettbewerb durchsetzen. Die Transformation, die Visionary Fiction verspricht, geht oftmals viel tiefer – und kann und will deshalb vielleicht auch nicht konkret festgenagelt werden.

«Visionary Fiction ist weit mehr als eine New Age Modeerscheinung.»

Das Besondere an der Visionary Fiction ist, dass sie sowohl die äußere als auch die innere Reise in den Mittelpunkt stellt. Während sich die traditionelle Belletristik in erster Linie auf äußere Ereignisse und Handlungsstränge konzentriert (wie gesagt, «Character-Arches», also persönliche Wandlungen trotzdem eingeschlossen), stehen bei der Visionary Fiction das innere Wachstum und die integrale Entwicklung der Figuren im Vordergrund. Dieses Genre lädt die Leser dazu ein, sich mit ihren eigenen Überzeugungen, Erfahrungen und Wahrnehmungen der Realität auseinanderzusetzen. Durch die Erforschung umfassenderer Zustände und einer (für den einengenden Geist) offeneren Realität führt dieses Genre die Leser da hin, ihre Perspektive zu erweitern und die Möglichkeit einer Realität zu erwägen, die über die alltägliche Welt hinausgeht.

Themen und Merkmale

Die Themen, die in Visionary Fiction erforscht werden, sind oft umfangreich und weitreichend und reichen von Zeitreisen und parallelen Dimensionen bis hin zu mystischen Erfahrungen und der Erforschung umfassenderer Bewusstseinszustände. Diese Themen bieten den Autoren einen fruchtbaren Boden für komplexe Erzählungen, die traditionelle Denkmuster in Frage stellen und neue Wege der Erforschung eröffnen. Dabei kann das Ganze wunderbar geerdet und unaufgeregt angegangen werden, ohne je in Esoterik und Wohlfühl-Blimblim abzugleiten. Ja, der Boden, die Verankerung im Alltäglichen, ist ein wichtiges Merkmal. Eines der Hauptmerkmale der Visionary Fiction ist ihre Fähigkeit, das Außergewöhnliche mit dem Gewöhnlichen nahtlos zu verbinden. Die Autoren dieses Genres binden übernatürliche Elemente und metaphysische Konzepte in alltägliche Situationen, in natürliche Elemente und wissenschaftliche Konzepte ein und schaffen so ein Gefühl von magischem Realismus, das die Leser dazu anregt, die Grenzen der Realität zu hinterfragen. Auf diese Weise greift die Visionary Fiction die Idee auf, dass das Alltägliche und das Wunderbare nicht so weit voneinander entfernt sind, wie es vielleicht scheint.

«Ein Selbsthilfebuch in Erzählform muss vermieden werden.»

Im Mittelpunkt der Visionary Fiction steht also die Erkundung innerer Landschaften. (Wobei das Innere dann eventuell relativiert wird, weil die Grenze von Innen und Außen erforscht wird und sich in diesem Prozess möglicherweise als rein konzeptionell erweist.) Diese Erkundung schließt eine treibende Handlung in keiner Weise aus.

Ein anderes Lesen

Visionary Fiction erfordert eine „andere“ Art der Lektüre. Anders als das Lesen eines Krimis, einer Liebesgeschichte, einer Unterhaltungsliteratur, einer leichten Lektüre. Visionary Fiction bietet eine Landschaft, in die man eintritt, in die man eintaucht und in der man seine eigenen Entdeckungen macht, vielleicht sogar bisher tatsächlich Unentdecktes entdeckt. Visionary Fiction ist keine Taxifahrt, bei der man vom Fahrer – dem Autor, der Autorin – auf dem schnellsten Weg zum Ziel gebracht wird und dabei doch auch an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten vorbeikommt, gespickt mit unterhaltsamen Anekdoten des Fahrers, wir auf den Rücksitzen als Konsumenten und Bediente. Nein, Visionary Fiction ist eine Entdeckungsreise. Die Landschaft, in der wir uns bewegen, entdecken wir durch unsere eigenen Schritte. Der Autor/die Autorin erschafft die Landschaft und definiert die Regeln, die in ihr gelten. Visionary Fiction ist in diesem Sinne einem Videospiel nicht unähnlich. Aber hier endet der Vergleich mit Videospielen auch schon wieder. Denn ein wesentlicher Aspekt der Visionary Fiction ist, dass sie die Vorstellungskraft der Lesenden anspricht.

Diese Partizipation im Gegensatz zu einer Konsumhaltung ist kein Alleinstellungsmerkmal der Visionary Fiction, jede große Literatur lädt zu dieser Partizipation ein, ja verlangt sie. Aber sie ist ein zentrales Merkmal.

Das „andere“ Lesen ist nicht nur partizipativ, sondern auch verweilend. Im Verweilen kann das Entdecken in die Tiefe führen. Dieses verweilende Lesen ist ein dialogisches Lesen. Der Text und die Sprache führen zu dieser Form des Lesens hin. Es ist nicht die Entscheidung des Autors, eine entsprechende, vielleicht poetische Sprache zu verwenden. Der dialogische Aspekt liegt im Kern der Visionary Fiction. Von diesem Kern aus entfalten sich die Geschichte und die Sprache.

Der dialogische Kern

Geschichten streben immer nach einer Form von Stabilität. (Deshalb mögen manche Leute keine offenen Enden, weil damit ein Element des Instabilen wieder eingeführt wird, kaum wurde die angestrebte Stabilität erreicht.) Meistens entsteht Stabilität, indem ein Problem gelöst wird. Ein Mordfall wird aufgeklärt, eine Beziehung klärt sich, ein gestecktes Ziel wird erreicht.

Visionary Fiction betrachtet den Prozess, der zu Stabilität führt, sehr genau. Stabilität bedeutet mehr als die Lösung eines losgelösten Problems. Stabilität bedeutet, dass etwas, das nicht integriert war, integriert wird. Ein Teil, der das Ganze vergessen hat, wird wieder in das Ganze integriert. Das Ganze ist also eine höhere Ordnung, und die erreichte Stabilität ist mehr als eine Wiederherstellung der alten Ordnung. Eine umfassendere Ordnung ist das Ergebnis des Prozesses, der zu Stabilität führt: Differenzierung und Integration. Dabei ist Differenzierung und Integration ein fortwährendes, ein unendliches Spiel, im Gegensatz zur Lösung eines Kriminalfalls. Das, was integriert wird, verändert sich in diesem Prozess. Obwohl Visionary Fiction, wie jede Form von Literatur, Stabilität anstrebt, ist sie immer auch prozesshaft, denn in einem größeren Kontext ist Stabilität immer etwas Angestrebtes, vielleicht ein kurzer, flüchtiger Zustand, aber nie etwas Erreichtes und Dauerhaftes. Das ist also ein zentrales Thema: die Meta-Stabilität, der unendliche Vorgang der Differenzierung und Integration. Visionary Fiction ist somit nah am Leben und nah am Menschen. Deshalb gibt es auch keine Protagonistinnen und Protagonisten, die nur eine Rolle oder Funktion ausüben. Alle Personen in Visionary Fiction sind Menschen. Das heißt, sie sind vielschichtig, komplex (und manchmal kompliziert), an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben, auf dem Weg oder, aus einer bestimmten Perspektive, auf einem Umweg zur Stabilität.

Das Streben nach Stabilität ist die eine Seite. Es geht aber auch um Wachstum, um Evolution, und das ist einer der zentralen Meta-Konflikte der Visionary Fiction: der Konflikt zwischen einer Dynamik, die nach Stabilität strebt, und einer Dynamik, die Entwicklung (und damit das Unbekannte, Neue, das Instabile) entfaltet. Diese beiden Dynamiken stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern in einem kreativen Spannungsverhältnis. Der Konflikt wird also nicht dadurch gelöst, dass die eine Seite gewinnt und die andere verliert. Das zentrale Thema der Visionary Fiction ist nicht der Konflikt (Widerspruch) zweier Parteien – meist Gut und Böse in irgendeiner Form – sondern dieses kreative Spannungsverhältnis. Es geht somit weder um die Herstellung von Unabhängigkeit (dualistisch), noch wird eine Vereinigung oder ein Kompromiss angestrebt (dialektisch).

Auf einer Zwei-Welten-Mythologie beruhen jedoch die meisten uns bekannten Erzählungen, angefangen bei der Schöpfungsgeschichte der Bibel. Was sich in diesem Rahmen abspielt, wenn der Mensch, der Suchende, unterwegs ist, lässt sich, wie Joseph Campbell herausgearbeitet hat, als Heldenreise zusammenfassen. Diese Heldenreise wird heute gerne als Blueprint verwendet, wenn es darum geht, Geschichten zu schreiben. Visionary Fiction verwendet diesen Blueprint nicht, oder nur sehr lose. Sie ist ein Meta-Narrativ des Dialogs. Sie ist Ausdruck von Flow, jener Dynamik, die sich in dem Raum entfaltet, in dem Ordnung und Chaos sich begegnen.

Die Wirkung von Visionary Fiction

Visionary Fiction dient als Brücke zwischen Geschichtenerzählen und innerer Erfahrung. Indem sie die Leser*innen in zum Reflektieren anregende Erzählungen eintauchen lässt, die konventionelle Normen in Frage stellen, fördert Visionary Fiction ein Gefühl des Staunens und der Neugier auf die Geheimnisse der Existenz.

«Visionary Fiction ist ein Genre, das die Grenzen des Erzählens verschiebt.»

In einer Zeit, in der Technologie und materielle Belange oft unsere Aufmerksamkeit dominieren und KI uns dazu drängt, das Menschsein neu zu definieren und zu leben, bietet Visionary Fiction einen Raum für diese innere Ausrichtung. Sie erinnert uns daran, dass es im Leben mehr gibt als die oberflächlichen Erfahrungen, denen wir täglich begegnen, und sie ermutigt uns, die Tiefen unseres Seins und Wirkens und das grenzenlose Potenzial der menschlichen Vorstellungskraft zu erkunden.

Kritik: Die große Gefahr

Visionary Fiction bewegt sich ihren Naturell gemäß an den Randbereichen. Sie bewegt sich auch an einer Klippe, die sie unbedingt meiden muss, um als literarisches Genre ernst genommen zu werden: Ein Selbsthilfebuch in Erzählform muss vermieden werden. Anders gesagt: Sie muss die Botschaft meiden. Eine Klippe, die leider oft nicht gemieden wird. Wenn ein Autor eine Botschaft hat, dann sollte er sie besser in einem Sachbuch formulieren, denn eine Erzählung ist letztlich einfach das: eine Erzählung. Keine Anleitung, keine Werbung. Ganz im Sinne der Idee der Visionary Fiction selbst: Je unbelasteter von einer Botschaft eine Erzählung ist, desto offener ist sie, und desto eher öffnet sie einen neuen – im Gegensatz zu einem vorgefertigten, vordefinierten – Erfahrungsraum. Das alles kann (leider) auf esoterische Art geschehen (z.B. Die Prophezeiungen von Celestine, Carlos Castanedas Bücher), auf eine Weise der bequemen Spiritualität (z.B. Paolo Cohellos Bücher), aber auch auf eine geerdete, unesoterische, nicht dem Zeitgeist einer bequemen Spiritualität verhafteten Weise. New Age und die oben genannten Autoren waren frühe,l zeitgemäße Ausprägungen der Visionary Fiction. Visionary Fiction kann aber nicht auf New Age beschränkt und damit charakterisiert werden, wenn sie mehr sein soll als eine kurze esoterische Modeerscheinung. Und wie dieser Text hoffentlich zeigt, ist sie weit mehr als das.
Worthülsen wie «Spiritualität», «Bewusstsein» oder «Achtsamkeit» müssen nicht vorkommen, um die LeserInnen auf eine Reise zu den Randbereichen einzuladen. (Gerade weil die eben genannten Begriffe zu Alltags-Worthülsen geworden sind, taugen sie nicht mehr für Randbereiche.) Ohnehin: Auch diese Einladung ist nicht die Botschaft. Vielmehr ist sie die Folge einer Entdeckungsreise des Autors/der Autorin, die er/sie beim Schreiben selbst erlebte. Eine Einladung kann jederzeit abgelehnt werden. Was in diesem Fall bleibt – und bleiben muss – ist eine gute Geschichte. Das, und nicht »Was will mir die Geschichte sagen? Hat sie es geschafft?«, ist das eigentliche Qualitäts-Kriterium. Schafft Visionary Fiction dies nicht, wird sich das Genre nicht etablieren können.

Ein*e Visionary Fiction AutorIn schreibt Fiction, weil die Komplexität, die sie/er erzählt, die Realität, die entfaltet wird, nur in Form einer Geschichte erzählt werden kann. Das ist also das Kriterium für den Autor, die Autorin: Hat meine Geschichte eine klare Botschaft? Dann schreibe ich vielleicht besser ein Sachbuch dazu. Entfaltet sich in meiner Geschichte ein Spektrum an Möglichkeiten, auch an Reibungen mit diesen Möglichkeiten, Auseinandersetzungen, Differenzierungen, geglückten und missglückten Versuchen der Integration? Dann ist die Geschichte die richtige Form. Die große Gefahr der einfachen Botschaft besteht nicht, wenn der Autor/die Autorin aus dem dialogischen Kern heraus schreibt, wie er oben beschrieben wurde.

Fazit

Wenn Herr Müller vor seinem tragischen Ende eine Buchhandlung betritt und nach etwas Spannendem, »aber mit etwas mehr Tiefgang« fragt, »wenn Sie wissen, was ich meine«, und die Buchhändlerin weiß, was er meint und ihn zum (zu diesem Zeitpunkt noch fiktiven) Regal mit Visionary Fiction führt (oder, Stichwort Lesemotive, zum entsprechenden Regal), dann wissen beide, was ihn erwarten kann.

Visionary Fiction ist ein Genre, das die Grenzen des Erzählens verschiebt und die LeserInnen zu Reisen einlädt, die die Grenzen der gewöhnlichen Welt überschreiten, ohne ins Fantastische oder Esoterische abzugleiten. Wenn die LeserInnen in die Seiten von Visionary Fiction eintauchen, finden sie sich in Erzählungen wieder, die nicht nur unterhalten, sondern auch zu einer tieferen Erforschung der Geheimnisse der Existenz anregen. Trotzdem: Gute Visionary Fiction ist in keiner Weise ein Selbsthilfebuch in Erzählform, sondern eine literarische Erzählung, die zu neuen Horizonten segelt.

© Lucas Martainn, 2023